{"id":13,"date":"2009-05-01T03:09:08","date_gmt":"2009-05-01T01:09:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.apartment666.de\/blog\/?p=13"},"modified":"2009-05-06T09:45:32","modified_gmt":"2009-05-06T07:45:32","slug":"ein-theater-der-selbstbeschrankung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.apartment666.com\/blog\/2009\/05\/01\/ein-theater-der-selbstbeschrankung\/","title":{"rendered":"Ein Theater der Selbstbeschr\u00e4nkung"},"content":{"rendered":"<p><span><em><\/em><\/span><\/p>\n<p><strong>Das Theater muss einerseits ein zentraler Fixpunkt der st\u00e4dtischen Kultur sein. Zugleich braucht die Theaterkunst Orte, die f\u00fcr ein Anderes stehen, abseits vom landl\u00e4ufigen Repertoirebetrieb und seinen Anforderungen. In Frankfurt ist das Theater am Turm (TAT) \u00fcber Jahrzehnte hinweg mit wechselnden Konzeptionen ein solcher Ort gewesen. Mit der schmidtstrasse12 hat das schauspielfrankfurt selbst zu Beginn der Intendanz von Elisabeth Schweeger einen derartigen Raum geschaffen. Vergleichbar mit der Baracke am Deutschen Theater in Berlin ist diese an einem peripheren Unort im Industriegebiet am Rande des migrantisch gepr\u00e4gten Stadtteils Gallus gelegene Halle sechs Jahre lang ein Ort der Erprobung f\u00fcr junge Theaterleute gewesen. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Es gab einen Regelkanon, \u00e4hnlich wie bei den Dogmafilmern; manches ergab sich schlicht aus der Not eines f\u00fcr Theaterverh\u00e4ltnisse bescheidenen Etats. Auff\u00e4lligstes Kennzeichen war das variierbare Einheitsb\u00fchnenbild f\u00fcr die Dauer einer ganzen Spielzeit: Ein Theater der Selbstbeschr\u00e4nkung, dem eine gewisse \u00c4sthetik des Ungeschliffenen von vornherein eingeschrieben ist. Der Journalist Stefan Michalzik f\u00fchrte ein Gespr\u00e4ch mit den Regisseuren Armin Petras und Florian Fiedler, die jeder f\u00fcr jeweils drei Jahre die Schmidtstra\u00dfe k\u00fcnstlerisch verantwortlich geleitet haben, sowie mit der Schauspiel-Intendantin Elisabeth Schweeger.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Stefan Michalzik:<\/strong> Die Schmidtstra\u00dfe ist \u00fcber die Jahre hinweg ein Ort gewesen, an dem Dinge m\u00f6glich waren, die in den Spielst\u00e4tten am Willy-Brandt-Platz nicht so leicht zu verwirklichen gewesen w\u00e4ren. Ging es bei der Installation der Schmidtstra\u00dfe darum, einen Ort jenseits des g\u00e4ngigen Stadttheaterbetriebs zu schaffen?<\/p>\n<p><strong>Elisabeth Schweeger:<\/strong> Das war nicht der Ausl\u00f6ser f\u00fcr die Gr\u00fcndung der Schmidtstra\u00dfe. Die Schmidtstra\u00dfe wurde erst gegr\u00fcndet, nachdem im Zuge der Konsolidierung des Haushaltes das Budget f\u00fcr das schauspielfrankfurt erheblich gek\u00fcrzt wurde. Woraufhin ich entschieden habe: Sie k\u00f6nnen uns zwar das Geld wegnehmen, aber nicht den Kopf. Diesen Phantasieraum haben wir hier im Haus besprochen, und wir wollten in der Schmidtstra\u00dfe eine dritte regul\u00e4re Spielst\u00e4tte er\u00f6ffnen, an der ein besonderes Modell versucht wird. Und dieses Modell lautete: Es gibt ein B\u00fchnenbild f\u00fcr das ganze Jahr, und darin finden acht Produktionen statt. Es gab also ein mobiles B\u00fchnenbild, das sich jeweils leicht ver\u00e4ndern lie\u00df. Nur zwei Techniker betreuten die Spielst\u00e4tte, sodass die Schauspieler bei den Umbauarbeiten mithelfen mussten. Es war das erkl\u00e4rte Ziel, dass dort Projekte stattfinden, bei denen neue Formen entstehen k\u00f6nnen, bei denen beispielsweise auch Filme oder Romane bearbeitet werden k\u00f6nnen, oder Klassiker neu gedeutet werden k\u00f6nnen, wo man anders nachdenken kann \u00fcber Texte, Raum und Verh\u00e4ltnis von Zuschauer zu Spielebene. Allerdings ohne den Luxus eines g\u00e4ngigen Stadttheaterbetriebes.<\/p>\n<p><strong>Michalzik:<\/strong> \u00dcber die einzelnen Inszenierungen hinweg, ist die Schmidtstra\u00dfe \u00e4sthetisch durch den Raum gepr\u00e4gt, der ohne Guckkastenb\u00fchne auskommt. Ich hatte aber auch den Eindruck, dass es bei Arbeiten an der Schmidtstra\u00dfe im Ensemble ein verst\u00e4rktes Gruppenbewusstsein gab.<\/p>\n<p><strong>Armin Petras:<\/strong> Ich hatte vorher schon in der Gau\u00dfstra\u00dfe in Hamburg und am Prater der Berliner Volksb\u00fchne gearbeitet, hatte also schon Erfahrungen mit R\u00e4umen, die keine Guckkastenr\u00e4ume sind, die Au\u00dfenspielst\u00e4tten des Theaters sind. Ich hatte ambivalente Eindr\u00fccke gesammelt, war mir aber sicher, dass das f\u00fcr Frankfurt eine gro\u00dfe Chance sein w\u00fcrde und habe dann zugesagt. Ich selbst halte die Schmidtstra\u00dfe bis heute f\u00fcr den sch\u00f6nsten Theaterraum, den es \u00fcberhaupt in Deutschland gibt. Weil der Raum sehr gro\u00df ist, trotzdem aber klar bleibt. Weil er deutlich abw\u00e4rts vom Zentrum der Stadt gelegen ist und auch noch in der N\u00e4he eines Problembezirks liegt, was ich grunds\u00e4tzlich toll finde. Die Konzeption, mindestens ein Jahr lang in diesem Raum mehrere St\u00fccke zu machen, bedeutet auf der einen Seite nat\u00fcrlich eine Beschr\u00e4nkung. Auf der anderen Seite bietet es aber auch eine gro\u00dfe Freiheit, weil man sich anders und klarer zu den Dingen verhalten muss. Dahinter standen ja noch mehr Ideen. Wir haben zum Beispiel sogenannte Sandwich-Produktionen gemacht, bei denen zwei Produktionen an einem Abend liefen, wobei wir davon ausgingen, dass die eine von beiden sehr viel besser angenommen werden w\u00fcrde, weil es sich um ein bedeutenderes St\u00fcck handelt. Dies waren etwa &#8222;Glasmenagerie&#8220; oder &#8222;Minna von Barnhelm&#8220;. Hinzu kam als zweites St\u00fcck, das schwieriger zu vermitteln sein w\u00fcrde, im einen Fall Sarah Kanes &#8222;Zerbombt&#8220; und im anderen \u201eZwei oder drei Dinge, die ich von ihr wei\u00df&#8220; nach einem Film von Godard. Das sind Experimente gewesen, bei denen man in der Tat das Gef\u00fchl hatte, wie eine Kommune zu sein, beziehungsweise fast wie eine freie Gruppe zu arbeiten, allerdings nat\u00fcrlich gest\u00fctzt und unterst\u00fctzt von Elisabeth Schweeger und dem Haus. Der Gro\u00dfteil der Schauspieler stammte ja auch aus dem Haus. <\/p>\n<p><strong>Schweeger:<\/strong> Wir haben ganz klar festgelegt, dass jede Produktion sechs Schauspieler aus dem Haus bekommt und einen Gast. Und einen kleinen Etat f\u00fcr Kost\u00fcm und eventuelle Ausstattungserg\u00e4nzung.<\/p>\n<p><strong>Petras:<\/strong> F\u00fcr mich war das die begl\u00fcckendste Theatererfahrung meines ganzen Lebens. Ich kann das so klar sagen, weil man selbst zwar inhaltlich verantwortlich daf\u00fcr war, was da passierte, nach au\u00dfen hin aber vor allem finanziell unabh\u00e4ngig war. Was man in dieser Hinsicht sp\u00e4ter als Intendant oder Oberspielleiter erlebt, ist weitaus unangenehmer. Dazu kam noch, dass das auch ein graphischer Raum war, in dem wir h\u00e4ufiger Installationen gemacht haben. Dass unsere Vorstellungen in den ersten zwei Jahren immer ausverkauft waren, f\u00fchrte zu solchen H\u00f6henfl\u00fcgen, dass wir irgendwann gesagt haben, wir machen jetzt St\u00fccke, die gew\u00f6hnlich \u00fcberhaupt keiner sehen will, um auszuprobieren, ob das Publikum immer noch kommt. In meinem Fall war dann &#8222;Ajax&#8220; die erste Produktion, die weniger Zuspruch fand. <\/p>\n<p><strong>Florian Fiedler:<\/strong> In meiner ersten Spielzeit haben wir auch versucht, St\u00fccke zu spielen, die gew\u00f6hnlich eher wenig Resonanz erfahren. Inzwischen ist es aber so, dass sich auch solche Arbeiten verkaufen. Es stimmt aber, dass Gruppe und Raum extrem zusammen wirken. Schon weil es einfach einzigartig ist, vom ersten Probentag an im Originalb\u00fchnenbild zu arbeiten. Und auch die Limitierung auf sechs Leute f\u00fchrt nat\u00fcrlich dazu, dass jeder Einzelne mehr Verantwortung \u00fcbernehmen muss und es daher weniger um einen Hauptdarsteller und f\u00fcnf Nebendarsteller gehen kann. Ich glaube, dass auch die Schauspieler es immer als ein besonderes Geschenk empfinden, da zu arbeiten. Auch, wenn man nach der Probe manchmal die Requisiten selbst aufr\u00e4umen muss. Die Techniker geh\u00f6ren in diesem Rahmen auch zur Gruppe und werden auch so wahrgenommen. Wir waren jetzt gerade mit dem \u201eSchloss&#8220; auf Gastspiel in Teheran, und da kam es durchaus vor, dass Schauspieler und Techniker abends zusammen ausgehen. Es gibt da nicht so sehr die \u00fcbliche Trennung.<\/p>\n<p><strong>Michalzik:<\/strong> Meiner Beobachtung nach hat sich f\u00fcr die Schmidtstra\u00dfe auch ein besonderes Publikum herausgebildet.<\/p>\n<p><strong>Fiedler:<\/strong> Bei den Premieren habe ich den Eindruck, dass man ein gemischtes Publikum antrifft, in den anderen Vorstellungen findet sich ein j\u00fcngeres Publikum. <\/p>\n<p><strong>Schweeger:<\/strong> Die Schmidtstra\u00dfe ist schon ein geeigneter Ort f\u00fcr eine Stadt wie Frankfurt, die sich modern urban entwickelt und kein eigentliches Zentrum mehr aufweist. Und so war sie f\u00fcr dieses Stadtgebiet, das durch seine hohe Migrationsbev\u00f6lkerung nicht den leichtesten Stand hat, sicher eine Bereicherung.<\/p>\n<p><strong>Fiedler:<\/strong> Bei &#8222;T\u00fcrke sucht das Superdeutschland&#8220;, dem Liederabend mit \u00d6zg\u00fcr Karadeniz, kommen zum Beispiel immer mehr T\u00fcrken. Auch, weil es Berichte in gr\u00f6\u00dferen t\u00fcrkischen Zeitungen gab. Wir w\u00fcnschen uns nat\u00fcrlich, dass die Menschen, die um das Theater herum wohnen &#8211; direkt nebenan ist ein islamisches Zentrum &#8211; auch Mal zu uns kommen. Der t\u00fcrkische Liederabend bewirkt zum Beispiel, dass man Menschen bei uns antrifft, die man vorher noch nie im Theater gesehen hat und die dann sagen, sie werden sich in Zukunft auch andere St\u00fccke ansehen. Und eben darum geht es uns ja.<\/p>\n<p><strong>Petras:<\/strong> Als wir damals angefangen haben, war ja auch das TAT gerade geschlossen worden. F\u00fcr uns war also klar, es muss da noch irgendwelche Menschen geben, die jetzt nicht mehr wissen, wo sie hingehen sollen. Vielleicht gewinnen wir die ja f\u00fcr die Schmidtstra\u00dfe. Zum anderen waren wir der Auffassung, dass gerade zu diesem Zeitpunkt etwas f\u00fcr die Theaterlandschaft der Stadt unternommen werden muss.<\/p>\n<p><strong>Schweeger:<\/strong> Es ist ganz klar, dass die Stadttheater mittlerweile alternative Formen von Theater integriert haben. Trotzdem sind aber solche Spielorte n\u00f6tig, um in dieser Arbeit noch weiter zu gehen. Das ist notwendige Pionierarbeit einerseits und notwendige \u00d6ffnung zu anderen Theatersprachen andererseits. Es gibt auch Theaterauff\u00fchrungen, die am Gro\u00dfen Haus einfach nicht zu verwirklichen sind, weil sie offener R\u00e4ume bed\u00fcrfen f\u00fcr ihre Umsetzung, oder weil es unm\u00f6glich ist, siebenhundert Zuschauer pro Abend f\u00fcr ein unbekanntes Projekt zu interessieren. Das braucht Zeit.<\/p>\n<p><strong>Fiedler:<\/strong> F\u00fcr mich als jungen Regisseur war es nat\u00fcrlich interessant, nicht mit St\u00fccken von unbekannten Autoren anfangen zu m\u00fcssen, sondern sich gleich einen richtigen Klassiker vornehmen zu k\u00f6nnen. Dass das dann auch noch in einem sehr ungew\u00f6hnlichen Raum stattfindet, macht es noch spannender &#8211; und das Besondere an diesem Raum ist ja, dass das Publikum immer Teil des Raums wird, ganz egal, wie man damit umgeht. Es gab damals auch noch weitere Dogmen, wie die Auflage, dass die St\u00fccke zu Anfang nicht l\u00e4nger als anderthalb Stunden gehen durften. Und es war \u00fcberhaupt erstmal eine gro\u00dfe Frage, wie man das Publikum platziert. Es gab ja nur Rollb\u00e4nke und einen Steg. So h\u00e4tte man den Raum jedes Mal komplett neu entstehen lassen k\u00f6nnen. Auf diese Weise muss man sich absolute Grundsatzfragen immer wieder neu stellen.<\/p>\n<p><strong>Michalzik:<\/strong> Gab es denn auch vor diesem t\u00fcrkischen Liederabend, der ja einen Bezug zur Bev\u00f6lkerungsstruktur im Gallus-Viertel hat, schon einen Versuch, den Austausch mit den Anliegern zu suchen?<\/p>\n<p><strong>Fiedler:<\/strong> Wenn wir beispielsweise Feste oder irgendwelche Sonderveranstaltungen hatten, bin ich mit Hospitanten zusammen durchs Viertel gezogen und habe Zettel mit Einladungen in die Briefk\u00e4sten geworfen.<\/p>\n<p><strong>Schweeger:<\/strong> Wie viele von den Leuten, die in der N\u00e4he des Spielorts wohnen, letztendlich das Theater besucht haben, k\u00f6nnen wir ja gar nicht wissen. Ich kann mich zum Beispiel noch an ein Projekt aus dem ersten Jahr erinnern: &#8222;Kanak Attack&#8220;. Da kam pl\u00f6tzlich eine ganz andere Bev\u00f6lkerungsschicht ins Theater. Die sind nicht unbedingt sp\u00e4ter in die Vorstellungen gekommen. Aber Hemmschwellen sind abgebaut worden und das Projekt hat den einen oder anderen doch zum weiteren Theaterbesuch motiviert. Als Armin Petras zum Beispiel hier im Gro\u00dfen Haus \u201eMaria Magdalena&#8220; gemacht hat, mit Abak Safaei-Rad und Falilou Seck, stand das in Beziehung zu der multiethnischen Bev\u00f6lkerung, die hier in Frankfurt lebt. So wurde es auch kommentiert, als eine Frankfurter Magdalena. Wir stellen fest, dass sehr vermehrt Besucher anderer kultureller Herkunft unsere Vorstellungen besuchen. Die Schichten vermischen sich mittlerweile. Bis ein Theater aber wirklich in ein Viertel hinein wirken kann, braucht es sehr viel Zeit.<\/p>\n<p><strong>Petras: <\/strong>Es liegt vielleicht auch daran, wie sehr sich Theaterleute mit dem Ort identifizieren, an dem sie arbeiten. Ich w\u00fcrde da \u00fcber mich selbst sagen, dass meine Beziehung zum Spielort zwiegespalten ist. Auf der einen Seite war das, wie ich schon gesagt habe, eine tolle Zeit, andererseits habe ich auch w\u00e4hrend der Zeit, in der ich Leiter der Spielst\u00e4tte war, woanders inszeniert. Ich glaube, dass es gar nicht anders geht. Man kann sich nicht an diesem Ort festhalten. Gleichzeitig h\u00e4tte ich jetzt, wenn ich das noch einmal machen d\u00fcrfte, das Bed\u00fcrfnis, ein Jahr an Ort und Stelle zu sein. Je mehr man dort ist, umso intensiver verw\u00e4chst man mit dem Ort und umso mehr werden auch die Leute im Umfeld aufmerksam auf einen. <\/p>\n<p><strong>Schweeger:<\/strong> Es ist ja auch eine Aufgabe dieser Spielst\u00e4tte, einem jungen Regisseur die Gelegenheit zu geben, die Verantwortung f\u00fcr so ein Haus zu \u00fcbernehmen, ohne damit allein zu sein. Nat\u00fcrlich beobachte ich als Intendantin die Vorg\u00e4nge und gebe Hilfestellungen. Aber es f\u00fchlt sich einfach anders an, f\u00fcr Raum und Programm erst einmal verantwortlich zu sein. So kann sich jemand sehr gut in die neue Funktion ein\u00fcben.<\/p>\n<p><strong>Petras:<\/strong> Sicher ist das f\u00fcr uns beide auch eine Lehrzeit gewesen. <\/p>\n<p><strong>Schweeger:<\/strong> Man lernt, wie man mit wenig Geld umgeht, wie man sich in so einem Apparat bewegt und sich behauptet. Es ging oft genug darum, sich auch mir gegen\u00fcber durchzusetzen. Da haben beide Seiten gelernt und sicher auch das Haus und die Schauspieler. Es galt einen anderen Zugriff, ein anderes Verst\u00e4ndnis von Theaterkunst zu entwickeln. Selbst die Kulissen zu schieben, ist etwas anderes als von vorne bis hinten bedient zu werden, was im Stadttheater ja meist \u00fcblich ist. Leute, die zuarbeiten, gab es dort nicht. Man musste selbst an die Sache herangehen, an die Materie. Dadurch ver\u00e4ndert sich meiner Ansicht nach dramatisch das Produkt. Das ist es, was als interessante Erfahrung auch transportiert wird. <\/p>\n<p><strong>Petras:<\/strong> Ich glaube auch, dass das Publikum &#8211; ganz egal wie die Rauml\u00f6sung war &#8211; in der Schmidtstra\u00dfe immer ein besonderes Verh\u00e4ltnis zu den Schauspielern hatte. <\/p>\n<p><strong>Schweeger:<\/strong> Die N\u00e4he spielt da eine gro\u00dfe Rolle. Die Besucher gehen auch schon ganz anders in diesen Raum. Ich denke, dass die Arbeit, die an der Schmidtstra\u00dfe gemacht wurde, dann auch die Produktionen am Gro\u00dfen Haus beeinflusst hat. Dem Ensemble hat es etwa geholfen, dass es hier bei so kleinen Projekten so nah zusammenger\u00fcckt ist. Die Schauspieler kamen ja aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Und im zweiten oder dritten Jahr hat man gemerkt, wie sie zueinander gefunden haben. Die Arbeit in der Schmidtstra\u00dfe hat dazu beigetragen, dass solche Vorg\u00e4nge vorangetrieben wurden. <\/p>\n<p><strong>Michalzik:<\/strong> Verkleinert ein solcher Raum vielleicht auch das Ego des Schauspielers?<\/p>\n<p><strong>Schweeger:<\/strong> Der Schauspieler muss sich hier notwendig als Teil sehen. Er muss alles mitdenken, von der Requisite bis zur Technik. Das muss er im Gro\u00dfen Haus weniger. Daf\u00fcr gibt es Abteilungen. Er kann sich dort auf der B\u00fchne mehr auf sich konzentrieren, w\u00e4hrend er in solchen Konstellationen wie in der Schmidtstra\u00dfe st\u00e4rker in die Prozesse eingebunden ist. <\/p>\n<p><strong>Fiedler:<\/strong> Vielleicht haben Schauspieler an der Schmidtstra\u00dfe auch nicht so sehr das Gef\u00fchl, sich sch\u00fctzen zu m\u00fcssen, wie das am Gro\u00dfen Haus der Fall ist. Weil es hier eben nur 120 Leute sind und nicht 700, und weil der Raum im Gro\u00dfen Haus ganz anders zu bespielen ist.<\/p>\n<p><strong>Schweeger:<\/strong> Der Schauspieler wird nat\u00fcrlich auch dadurch gesch\u00fctzt, dass Produktionen an der Schmidtstra\u00dfe nicht den Anspruch haben, sofort zu funktionieren. Dadurch dass die Arbeit dort als Experiment lief, entstanden nat\u00fcrlich Freiheiten.<\/p>\n<p><strong>Michalzik:<\/strong> Wie sehr hat die Schmidtstra\u00dfe Ihre sp\u00e4teren Arbeiten am Gro\u00dfen Haus gepr\u00e4gt?<\/p>\n<p><strong>Petras: <\/strong>Es ist eine Form des forschenden Theaters im Sinne von Grotowski. Nach dem Motto: hier ist ein Raum, hier ist ein St\u00fcck Brot, ein nackter Mensch und jetzt nimm dir noch einen Text deiner Wahl und dann schau dir an, was daraus wird. Diese Art der Kontemplation, der Suche nach Innen hat komplett mein weiteres Theaterleben bestimmt und bestimmt es nach wie vor. Insofern habe ich alle Arbeiten f\u00fcr die gro\u00dfe B\u00fchne immer mit einem lachenden und einem weinenden Auge gemacht, weil mir immer klar war: diese Arbeiten m\u00fcssen repr\u00e4sentieren. Sie m\u00fcssen das Haus repr\u00e4sentieren und m\u00fcssen auch eine Form haben, die f\u00fcr ein b\u00fcrgerliches Publikum nachvollziehbar ist. Das ist immer auch ein Kraftakt gewesen, der dadurch vers\u00fc\u00dft wurde, dass ich vorher und danach in die Schmidtstra\u00dfe zur\u00fcckkehren konnte, um neue Ideen auszuprobieren.<\/p>\n<p><strong>Fiedler:<\/strong> Durch die Schmidtstra\u00dfe gepr\u00e4gt, versucht man auch immer wieder, sich an anderen Theatern solche Freir\u00e4ume zu schaffen. Etwa durch die Art und Weise, wie man Proben ansetzt, wie man besetzt oder wie man mit Zeit umgeht. Die Schmidtstra\u00dfe ist ein ziemlich \u201eangstfreier&#8220; Raum.<\/p>\n<p><strong>Schweeger:<\/strong> Jeder Raum hat seine Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten, die bestimmen, wie man agiert und arbeitet. Ich w\u00fcrde meinen, man kann die Arbeit an so unterschiedlichen Spielst\u00e4tten gar nicht miteinander vergleichen. Trotzdem flie\u00dfen Erkenntnisse aus Prozessen, wie sie an der Schmidtstra\u00dfe stattfinden, in eine andere Arbeit ein. Sie bekommen dann aber andere Dimensionen. Von au\u00dfen sind sie vielleicht gar nicht sichtbar. Manchmal ist der Raum auch einfach st\u00e4rker. So sch\u00f6n die gro\u00dfe B\u00fchne am schauspielfrankfurt auch ist, sie ist auch hochkompliziert. Trotzdem bin ich der Meinung, dass jede Arbeit auch eine Recherche und ein Versuch ist, ganz egal an welchem Ort. Auch im Gro\u00dfen Haus ist jede Produktion eine Suche und hat das Recht zu scheitern. Das geh\u00f6rt einfach dazu. <\/p>\n<p><strong>Petras:<\/strong> Ich glaube, dass Theater f\u00fcr Schauspieler und Regisseure immer wieder die Frage stellt: wie kann ich Angst \u00fcberwinden? Die Angst, nicht gut zu sein. Die Angst, nicht erfolgreich zu sein. Die Angst, nicht modern zu sein. Entgegen dem allgemeinen Jugendwahn hat der Beruf des Regisseurs nat\u00fcrlich vor allem etwas mit Erfahrung zu tun. Wenn ich 120 mal erlebt habe, dass Angst \u00fcberwindbar ist, dann ist mir der Raum irgendwann egal. Kollegen wie Dimiter Gotscheff oder Frank Castorf k\u00f6nnten heute hier in der Commerzbank-Arena inszenieren, es w\u00e4re ihnen v\u00f6llig egal, ob da 100.000 Leute hingehen oder 15. Selbst wenn man so eine gro\u00dfartige Chefin hat, wie Elisabeth Schweeger es zu meiner Zeit war und sicher auch heute noch ist, macht man sich ja selbst Druck. Je entspannter, angstfreier, wenn man so will, die Atmosph\u00e4re ist, desto gr\u00f6\u00dfer ist die Chance, dass die Inszenierung gelingt. <\/p>\n<p><strong>Michalzik: <\/strong>Ich w\u00fcrde gerne den Leitungswechsel von Petras zu Fiedler ansprechen. In der Anfangszeit der Schmidtstra\u00dfe hat ja das Element &#8222;Trash&#8220; eine gro\u00dfe Rolle gespielt.<\/p>\n<p><strong>Petras (lacht):<\/strong> &#8222;Trash&#8220; ist ein Begriff, den ich seit drei oder vier Jahren nicht mehr geh\u00f6rt habe. Ich wei\u00df bis heute nicht so richtig, was das eigentlich meint. Auf jeden Fall ist es nicht so, dass wir bewusst &#8222;Trash&#8220; gemacht haben. Dass die Mittel &#8222;Spa\u00df&#8220; oder &#8222;Verfremdung&#8220; immer eine Rolle gespielt haben, finde ich dagegen schon richtig. <\/p>\n<p><strong>Fiedler:<\/strong> Das liegt einfach auch daran, dass die finanziellen Mittel begrenzt sind. Da hat man eben manchmal lieber einen Pappkarton genommen als einen Linoleumboden. Das wird dann als &#8222;Trash&#8220; empfunden. Es ist aber einfach eine Frage der Notwendigkeit.<\/p>\n<p><strong>Petras:<\/strong> Ich habe mich viele Jahre \u00fcber solche Bezeichnungen ge\u00e4rgert. Aber auf der anderen Seite k\u00f6nnen Journalisten, die unsere Arbeit f\u00fcr ein Publikum reflektieren sollen, das nur tun, wenn sie \u00fcber bestimmte Begriffe verf\u00fcgen. Die Schubladen, in die Inszenierungen gesteckt werden, existieren auch in den K\u00f6pfen der Menschen. Bei der Arbeitsweise von Florian Fiedler und mir, sich \u00fcber einen spielerischen Vorgang einem Text zu n\u00e4hern, sehe ich \u00fcberhaupt keinen Unterschied. Es gibt auch junge Regisseure, die komplett anders arbeiten. Es geht nur darum, dass die Vision des Regisseurs irgendwie nachvollziehbar ist. Da ist es egal, ob da f\u00fcnfzig M\u00fcllkartons auf der B\u00fchne stehen oder ob die B\u00fchne leer ist.<\/p>\n<p><em>Stefan Michalzik ist Theater- und Musikkritiker, vor allem f\u00fcr die Frankfurter Rundschau, die Offenbach-Post und die Rhein-Zeitung.<\/em><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Theater muss einerseits ein zentraler Fixpunkt der st\u00e4dtischen Kultur sein. Zugleich braucht die Theaterkunst Orte, die f\u00fcr ein Anderes stehen, abseits vom landl\u00e4ufigen Repertoirebetrieb und seinen Anforderungen. 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