Kein Haus – Gerd Schneider Gesellschaft zu Gast in der schmidtstrasse12

05-05-2009 GEPOSTET VON mmh

Folge 11 hat es thematisiert: mit dem Durchstoßen der Außenwand betritt Gerd Schneider Neuland oder, als alternative Strategie, er verweilt und passt seinen Blick dem eng gewordenen Raum an – Assimilation als Grenzübertritt. Letzteres lässt sich vor Ort nicht mehr erproben, denn das Gasthaus schmidtstrasse12 löst sich auf. Also: neues Gelände.
Gerd Schneider bezieht ein Grundstück im niedersächsischen Wald und erprobt seinen Blick auf vier mal acht Metern. Was er vorfindet ist ein unüberschaubares Terrain, Waldboden, nicht zu überschauen weil zu komplex, mit zu vielen Details ausgestattet, und stetig wird er auf neue stoßen. Kein intuitives Erfassen, kein coup d´œil, denn das Auge fliegt nicht über die Dinge, es heftet sich an sie, saugt sich an.

Den Plan zu seinem Waldexperiment formulierte Gerd Schneider bereits 1960 während seines Kanadaaufenthalts in dem Text LACKING HOUSE. Er beschreibt die Fähigkeit eines Mannes, Gegenstände auch noch in minimaler Distanz fokussieren zu können. In einer Art Dämmerzustand sieht er ein Schwarz/weiss-Bild, dessen Linien und Formen ihn an ein Erlebnis in seiner Kindheit erinnern:

»[…] And in fact, the darkness he saw, was a complex figure of lines and areas that reminded him of a wool sweater he once saw through a microscope in school when he was a child.
[…]
One night – meanwhile he was already perfectly acquainted with his
impressive panorama – he realised a nagging pain in his back. He sat up and what he now saw was enormously amazing. He was looking at a red wool sweater that his face was plunged into – he had probably fallen onto the table with his head, drunk – and lay there for ages. […]«

Mit der Erkenntnis, über ein außergewöhnliches Sehwerkzeug zu verfügen, entstand der Plan detaillierte Beobachtungen am Boden zu machen. Dabei wird er die Erfahrung machen, vertraute Umgebung mit neuen Augen zu sehen, eine Erfahrung die Gerd Schneider bereits in seinem Langzeitprojekt VILLA beschreibt – als Krisentaktik des 13jährigen Jungen Paul, der sprichwörtlich eine Tür öffnet, aber, anders als seine Schwester, die den Weg der Zerstörung wählt, dem Anblick des Unbekannten standhält.

Im Keller, dem Ort der gesteigerten Klaustrophobie gibt Paul sich selbstvergessen dem Sehen hin. Es ist nur ein kleiner Schritt in den Wald, aber einmal dort angekommen lässt er das Vorherige weit hinter sich.

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